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Portraits von Personen mit Armutserfahrung

Der vorliegende erste Bericht des Nationalen Armutsmonitorings gibt Auskunft über die Armutssituation in der Schweiz, in erster Linie anhand von Statistiken, Kennzahlen und einer Spiegelung des Forschungsstands. Doch was bedeuten die Zahlen und Daten im Alltag der Menschen?

Die folgenden Porträts wollen genau das beantworten. Sie bieten persönliche Einblicke in höchst unterschiedliche Lebenssituationen und versuchen zu zeigen, wie sich ein Leben am oder unter dem Existenzminimum anfühlt. Sie erzählen von Hürden, von Scham, aber auch von Strategien und Hoffnungen im täglichen Kampf um die eigene Existenz

An unbeschwerte Zeiten in meiner Kindheit kann ich mich kaum erinnern.

«An unbeschwerte Zeiten in meiner Kindheit kann ich mich kaum erinnern»

Schon früh musste ich lernen, was es heisst, Verantwortung zu tragen. Ich war gerade mal zwölf Jahre alt, als mein Vater überfordert zu mir kam. Er verstand das Konzept der Krankenkassen-Franchise nicht. Ich zwar auch nicht, aber ich sagte ihm, dass ich mich darum kümmern werde.

Nach 15 Jahren bin ich aus der Sozialhilfe rausgekommen.

«Nach 15 Jahren bin ich aus der Sozialhilfe rausgekommen»

Jahrelang bin ich in die Beiz gegangen und habe einfach nur einen Kaffee getrunken. Mehr konnte ich mir nicht leisten. Vier Stunden lang sass ich da, weil mir Zuhause die Decke auf den Kopf fiel. Ich wollte einfach nur raus und mit jemandem reden. Ich hatte einst einen guten Job als Wirtschaftsinformatiker bei der UBS. Dort habe ich 120’000 Franken im Jahr verdient. Ich hatte wirklich alles: Frau, drei Kinder, eine schöne Wohnung, ein Auto. Es ging uns gut.

Plötzlich zählte das alles nichts mehr.

«Plötzlich zählte das alles nichts mehr»

Mein Leben zerbrach am 31. Juli 2018. Ich arbeitete als Pflegeassistent in einem Altersheim, ein Beruf, den ich liebte. Als zwei übergewichtige Bewohner mit je über 100 Kilo aus dem Rollstuhl zu fallen drohten, packte ich zu. In diesem Moment machte es «Knack» in meinem Rücken, und seitdem ist nichts mehr, wie es war.

Obwohl die Sozialhilfe die Autonomie fördern soll, fühlt man sich bevormundet.

«Obwohl die Sozialhilfe die Autonomie fördern soll, fühlt man sich bevormundet»

Mit 34 Jahren kam alles auf einmal: ein Burnout und kurz darauf die Diagnose Adenomyose, auch innere Endometriose genannt. Das war der Moment, in dem ich in die Armut fiel. Man sagt oft: Krank sein macht arm und arm sein macht krank. Beides ist wahr.

Ich verdiene 22 Franken pro Stunde – vor Abzügen.

«Ich verdiene 22 Franken pro Stunde - vor Abzügen»

Aktuell habe ich drei Arbeitgeber. Ich arbeite in der Logistik und im Büro eines Babyartikel-Versands, gehe putzen und helfe in einer Catering-Firma aus. Zudem bin ich noch selbstständig, ich besticke alles mögliche auf Bestellung. Meine Arbeitspensen betragen zusammen etwa 75 oder 80 Prozent. Damit habe ich letztes Jahr knapp 30'000 Franken verdient, dazu kommen Alimente und Kindergeld. Alles zusammen gab etwa 40’000 Franken.

Meine Ausbildung, meine Erfahrungen – sie scheinen hier nichts wert zu sein.

«Meine Ausbildung, meine Erfahrungen – sie scheinen hier nichts wert zu sein»

Früher hatte ich ein Leben. Ein stabiles, komfortables Leben im Iran. Ich habe einen Universitätsabschluss in persischer Sprache und Literatur, habe eine zweijährige Ausbildung in Fotografie absolviert und kenne mich als Sohn einer Bauernfamilie auch in der Landwirtschaft aus. Ich hatte eine feste Anstellung, ein eigenes Haus, ein Auto. Doch dieses Leben gibt es nicht mehr. Ich musste den Iran verlassen, weil mein Leben dort in Gefahr war.

Ich musste erst die Armut überwinden, um 50 Kilogramm abzunehmen.

«Ich musste erst die Armut überwinden, um 50 Kilogramm abzunehmen»

Ich bin der lebende Beweis dafür, dass man aus einer schlechten Situation wieder herauskommen kann. Ende 2023 habe ich eine Festanstellung als Informatiker bekommen und verdiene nun 4500 Franken im Monat. Vorher lebte ich von der Sozialhilfe. Nachdem ich alle Rechnungen bezahlt hatte, blieben mir 110 Franken pro Monat.

Zeitweise wollte ich mir das Leben nehmen.

«Zeitweise wollte ich mir das Leben nehmen»

Als mein Partner mich würgte, habe ich gemerkt, dass ich gehen muss. Bis dahin habe ich es nicht geschafft, mich zu trennen. Ich war abhängig von ihm. Ich habe jahrelang psychische und sexuelle Gewalt durch ihn erfahren. Einmal hat er mich mit einem Sturmgewehr bedroht. Erst als ich das Gefühl hatte, dass es ans «Lebige» geht, fand ich die Kraft, zu gehen.

Leider habe ich im Heim nie gelernt, mit Geld umzugehen.

«Leider habe ich im Heim nie gelernt, mit Geld umzugehen»

Alle meine Geschwister wuchsen bei meinen Eltern auf, nur ich nicht. Mit drei Jahren kam ich in ein Waisenhaus im Kanton Nidwalden. Anscheinend soll meine Mutter fremdgegangen sein. Mein Vater wollte mich nicht akzeptieren, darum wurde ich weggegeben. Aber ob das stimmt, weiss ich nicht. Ich habe nie mit meinen Eltern gesprochen.

Würde ich Sozialhilfe beziehen, hätte ich mehr Geld zur Verfügung.

«Würde ich Sozialhilfe beziehen, hätte ich mehr Geld zur Verfügung»

Ich habe gerade meine dritte Knieoperation hinter mir. Sechs Wochen lang falle ich aus, weil zwei 30-Kilogramm-Hunde in die Beine gerannt sind und meine Kniescheibe zertrümmert haben. Alle Bänder sind gerissen. Bei der ersten Operation gab es Komplikationen, bei der zweiten auch. Jetzt also die dritte. Eigentlich wollte ich mein Arbeitspensum bald erhöhen, um etwas mehr Geld zu haben. Und jetzt das. Das passt zu meinem Glück.

Ich bin armutsbetroffen, weil ich eine Mutter bin.

«Ich bin armutsbetroffen, weil ich eine Mutter bin»

Seit ich von Zuhause ausgezogen bin, lebe ich am Minimum. Mit 16 Jahren habe ich das Elternhaus verlassen, weil ich in einer destruktiven Familie aufwuchs. Obwohl es uns finanziell gut ging, erlebte ich regelmässig physische und emotionale Gewalt. Ich wollte so schnell wie möglich da raus. Seither lebe ich sozusagen von der Hand in den Mund.

Sobald ich mehr verdiene, stehen Schulden von bis zu 70’000 Franken im Raum.

«Sobald ich mehr verdiene, stehen Schulden von bis zu 70’000 Franken im Raum»

Mit 19 Jahren, im ersten Lehrjahr meiner Ausbildung, wurde ich schwanger. Es war eine gewollte Entscheidung, die mein Partner und ich gemeinsam trafen. Als unsere Tochter zur Welt kam, hatte ich vor, die Lehre als Kleinkinderzieherin noch abzuschliessen. Doch der Druck war zu gross. Ich geriet in eine tiefe Depression und erlebte ein Burnout.

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