«An unbeschwerte Zeiten in meiner Kindheit kann ich mich kaum erinnern»

Schon früh musste ich lernen, was es heisst, Verantwortung zu tragen. Ich war gerade mal zwölf Jahre alt, als mein Vater überfordert zu mir kam. Er verstand das Konzept der Krankenkassen-Franchise nicht. Ich zwar auch nicht, aber ich sagte ihm, dass ich mich darum kümmern werde.
Meine Eltern flüchteten 2009 aus Syrien in die Schweiz und konnten kein Deutsch. Ich hingegen habe die Sprache sehr schnell gelernt. Sie haben mich nie gezwungen, etwas für sie zu machen, sie waren einfach verzweifelt und wussten nicht weiter. Und ich habe mich sofort verantwortlich gefühlt.
Vielleicht ist das kulturell bedingt. Als Kind von Migranten willst du deinen Eltern etwas zurückgeben, schliesslich haben sie ihr Leben für deins aufgegeben. Für jede gelöste Aufgabe wurde ich gelobt, was unsere Beziehung in eine ungesunde Dynamik brachte. Mit der Zeit dachte ich, dass ich nur so Bestätigung von meinen Eltern bekommen könnte.
An unbeschwerte Zeiten in meiner Kindheit kann ich mich kaum erinnern. Alles war stressig. Der einzige Moment, in dem sich meine Eltern wirklich um mich kümmern konnten, war, als ich im Spital lag und operiert werden musste. Da fühlten sie sich als Eltern und nicht als stressgesteuerte Menschen.
Ansonsten hatten meine Eltern keine Kapazität für Fragen wie: «Wie läuft's in der Schule?». Sie mussten sich um unsere Aufenthaltsbewilligung kümmern oder darum, dass sie einen Job haben. Dass ich grosse Schwierigkeiten in Mathe hatte, darüber konnte ich nicht mit ihnen reden.
Eigentlich wollte ich ins Gymnasium gehen. Ich bin auch reingekommen, aber wir konnten uns die Bücher und Exkursionen kaum leisten. Wir lebten damals noch von Sozialhilfe. Also nahm ich einen Job bei einer Fast-Food-Kette an. Am Tag ging ich zur Schule, danach ging ich Burger verkaufen. Eine Weile lang ging das gut, aber nach eineinhalb Jahren musste ich das Gymnasium abbrechen. Ich war zu erschöpft und schlitterte in ein Burnout. Ich nahm mir eine Auszeit und fing eine Lehre bei der Bank an. Trotz meiner Mathe-Probleme!
Mittlerweile geht es uns finanziell etwas besser. Mein Vater arbeitet bei der Entsorgung der Gemeinde, meine Mutter ist bei einem Mittagstisch angestellt. Wir haben eine schöne Wohnung und ein Auto. Aber wir leben trotzdem von Lohn zu Lohn. Familienausflüge, Besuche beim Zahnarzt oder Ferien liegen nur drin, wenn ich monatelang dafür spare. Die Steuern erschüttern immer noch jedes Jahr unser Budget.
Und ja, ich bin immer noch die Managerin der Finanzen. Mit meinem Lehrlingslohn bezahle ich die Prämien für die ganze Familie.
Heute haben meine Eltern und ich ein gutes Verhältnis, auch wenn es keine klassische Eltern-Kind-Beziehung ist. Die Rollen sind vertauscht, ich treffe alle Entscheidungen, plane den Ruhestand meiner Eltern und sorge dafür, dass am Monatsende alles aufgeht. Zum
Beispiel zahle ich monatlich in einen Fonds ein, damit sie eines Tages eine gewisse Sicherheit haben.
Es ist nicht immer leicht, aber ich habe meinen Frieden damit gefunden. Ich trage keine Wut mehr in mir, nur Verständnis. Für das, was sie durchgemacht haben. Heute können wir gemeinsam über die schweren Zeiten sprechen, manchmal sogar lachen. Ich spüre: Wir sind über den Berg und als Familie stärker verbunden als je zuvor.
Vian Tobal, 22, aus Basel-Land
Bundesamt für Sozialversicherungen BSV
In Zusammenarbeit mit Behörden auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene,
Organisationen der Zivilgesellschaft und der Forschung