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«Leider habe ich im Heim nie gelernt, mit Geld umzugehen»

Bild Portrait 9 Armutsmonitoring

Alle meine Geschwister wuchsen bei meinen Eltern auf, nur ich nicht. Mit drei Jahren kam ich in ein Waisenhaus im Kanton Nidwalden. Anscheinend soll meine Mutter fremdgegangen sein. Mein Vater wollte mich nicht akzeptieren, darum wurde ich weggegeben. Aber ob das stimmt, weiss ich nicht. Ich habe nie mit meinen Eltern gesprochen.

Aufgezogen wurde ich von katholischen Klosterfrauen. Der Alltag im Heim war streng und lief immer gleich ab: Um 6:30 Uhr standen wir auf, Morgengebet, dann Frühstück und ab in die öffentliche Schule. Danach Mittagessen im Heim, Nachmittagsunterricht und dann folgte die Gartenarbeit. Freizeit bekamen wir kaum, wir mussten immer arbeiten, weil das Heim sich zu einem Teil selbst versorgt hat.

Dass wir Heimkinder waren, spürten wir auch in der Schule. In den Pausen durften wir nicht mit den anderen Kindern spielen und wurden auch sonst ausgegrenzt. Individuelle Zuwendung gab es weder in der Schule noch im Heim. Körperliche Strafen und Demütigungen waren an der Tagesordnung. Es gab zum Beispiel eine Gefängniszelle im Keller des Heims. Manchmal wurden wir dort für zwei bis drei Nächte eingesperrt. Das war sehr beängstigend, es gab kaum Tageslicht und wir bekamen nur wenig zu essen.

Auch sexuelle Übergriffe gab es, nur haben wir das damals nicht als solche wahrgenommen. Eine Nonne wollte zum Beispiel immer meine Vorhaut «überprüfen». Als das herauskam, wurde sie versetzt.

Eigentlich wollte ich ins Gymnasium gehen, meine Noten waren gut. Mein Lehrer fragte bei der Gemeinde an, aber sie lehnte ab. Eine höhere Bildung war für uns Heimkinder nicht vorgesehen, denn dafür musste die Gemeinde aufkommen. Immerhin: Ich war der Erste aus unserem Heim, der eine Lehre machen durfte. Ich wurde Schriftsetzer.

Ich habe aber nie wirklich auf dem Beruf gearbeitet. Es war die Zeit der technischen Umwälzung und ich verlor schnell den Anschluss. Ich machte stattdessen den Führerschein und jobbte vor allem als Chauffeur. Daneben schrieb ich freiberuflich für Lokalzeitungen. Es war kein wohlhabendes Leben, aber es hat gereicht.

Doch das Leben im Heim hat mich geprägt. Ich habe nie gelernt, mit Geld umzugehen und häufte Schulden an. Sobald der Lohn da war, verprasste ich alles. Bis heute habe ich Schulden im fünfstelligen Bereich. Immer wieder musste ich Sozialhilfe beziehen, weil ich nur Nebenjobs hatte. Auch meine Beziehungen waren oft oberflächlich und flüchtig. Erst als ich vor 26 Jahren meine Frau kennenlernte, änderte sich das.

Wirklich in die Armut stürzte ich erst, nachdem ich fast einen Unfall im Gubrist-Tunnel verursacht hatte. Ich fuhr einen Bus mit 16 Passagieren - und nickte kurz ein. Ich leide an Schlafapnoe, einer Schlafkrankheit. Doch das wusste ich damals noch nicht.

Glücklicherweise ist nichts passiert, aber nach diesem Erlebnis kündigte ich meinen Job. So wurde ich mit 52 Jahren arbeitslos. Ich hatte einen lückenhaften Lebenslauf und keine hohen Qualifikationen. Und fand darum keine Stelle mehr. Ich ging aufs Arbeitsamt, wurde ausgesteuert und bezog wieder Sozialhilfe.

Irgendwann fragte mich eine Bekannte, ob ich nicht soziale Stadtrundgänge für das Strassenmagazin «Surprise» machen wolle. Ich konnte mir das zuerst nicht vorstellen, ich schämte mich zu sehr für meine Situation. Aber ich ging trotzdem ins Coaching, welches die Guides absolvieren mussten. Keine Ahnung wieso.

Dort entdeckte ich völlig neue Ressourcen in mir. Ich wurde plötzlich zum Experten - was mein Selbstwertgefühl enorm stärkte. Ich lernte, ehrlich zu mir und anderen zu sein und meine Situation zu akzeptieren.

Acht Jahre lang, zweimal die Woche, führte ich Menschen durch die Stadt Basel und zeigte ihnen soziale Institutionen wie Gassenküchen oder Obdachlosenheime. Über 600 Touren habe ich gemacht. Heute bin ich pensioniert und mache keine Rundgänge mehr, aber sie haben mir den Weg in ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Markus Christen, 71, aus Basel

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