«Ich bin armutsbetroffen, weil ich eine Mutter bin»

Seit ich von Zuhause ausgezogen bin, lebe ich am Minimum. Mit 16 Jahren habe ich das Elternhaus verlassen, weil ich in einer destruktiven Familie aufwuchs. Obwohl es uns finanziell gut ging, erlebte ich regelmässig physische und emotionale Gewalt. Ich wollte so schnell wie möglich da raus. Seither lebe ich sozusagen von der Hand in den Mund.
Meine familiären Umstände führten dazu, dass ich gegenüber Gleichaltrigen benachteiligt war. Während andere in jungen Jahren selbstverständlich ein halbes Jahr reisten oder Sprachaufenthalte machten, versuchte ich, zu überleben. Ich machte das Erstbeste, einfach um die Rechnungen zu bezahlen.
Ich habe im Callcenter gearbeitet, als Promoterin gejobbt, als Model auch und war schlussendlich über zehn Jahre lang im Service tätig. Ich habe zwar eine Lehre als Detailhandelsangestellte abgeschlossen, aber in diesem Bereich hatte ich mich nie wirklich wohl gefühlt. Ich war unterfordert. Darum habe ich mit 21 Jahren die Maturität nachgeholt und dann noch ein Studium begonnen.
Als meine Tochter zur Welt kam, war ich 29 Jahre alt und mittlerweile alleinstehend. Damals stand ich kurz vor meinem Bachelorabschluss und bezog Stipendien. Zusammen mit den Alimenten hat das gerade so gereicht. Aber weil die Stipendien fast immer zu spät kamen, musste ich als Überbrückung Sozialhilfe beziehen. So bin ich reingerutscht - und bisher nicht mehr rausgekommen.
Pro Monat haben meine sechsjährige Tochter und ich 1400 Franken zur Verfügung, Miete und Krankenkasse werden von der Sozialhilfe übernommen. Damit wir durchkommen, müssen wir sehr bescheiden leben. Wir gehen nie in die Ferien oder auswärts essen. Auch Musikunterricht oder irgendwelche Sportkurse kann ich nicht finanzieren, das ist zu teuer. Dafür sind wir viel draussen, basteln oder gehen schwimmen. Dank der Kulturlegi können wir uns ein vergünstigtes Badi-Abo der Stadt Zürich leisten.
Die Angst, dass es nicht reicht, begleitet mich ständig. Auch wenn ich weiss, dass ich es schaffe, wenn ich mich ans Budget halte. Vielleicht liegt es daran, dass Essen die einzige Sache ist, bei der ich auf Qualität achte. Ich schaue, dass meine Tochter immer ausgewogen und frisch essen kann. Wenn ich spare, dann spare ich an mir. Öfter Pasta essen macht mir nichts aus.
Jetzt bin ich 36 Jahre alt, habe einen Master in Kunstgeschichte - und finde trotzdem keinen Job. Ich habe keine näheren Verwandten, die meine Tochter kostenlos hüten. Ich bin null flexibel, da ich mich immer nach den Hortöffnungszeiten richten muss. Zusätzlich kommt bei mir das Alter hinzu. Niemand will eine 36-jährige ohne Arbeitserfahrung einstellen.
Dabei hatte ich stets sehr gute Noten, bin engagiert und verantwortungsbewusst. Aber das nützt mir bei der Stellensuche herzlich wenig. Es geht nur darum, welche Privilegien du hast. Das bestimmt, ob du dich beruflich etablieren kannst. Und das ist sehr frustrierend. Es gibt immer wieder Stellen, für die ich brennen würde, aber weil ich dafür zum Beispiel in einen anderen Kanton pendeln müsste, bewerbe ich mich nicht mal.
In meinem Fall ist der gesellschaftliche Umgang mit Mutterschaft hauptsächlich für meine Lage verantwortlich. Ich bin armutsbetroffen, weil ich Mutter bin. Mütter werden an den Rand unserer Gesellschaft geschoben, Care Arbeit wird nicht als produktiv angesehen. Dabei sind Kinder doch das Fundament unserer Gesellschaft.
Ich weiss nicht, ob ich jemals aus der Armut rauskommen werde. Ich glaube zwar, dass ich es schaffen kann. Aber wenn es nicht klappt, ist das auch in Ordnung. Ich habe mich daran gewöhnt. Es macht mich einfach traurig, weil ich um mein Potential weiss und es auch gerne entfalten würde. Ich möchte etwas an die Gesellschaft zurückgeben
Katharina di Martino, 36, aus Zürich
Bundesamt für Sozialversicherungen BSV
In Zusammenarbeit mit Behörden auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene,
Organisationen der Zivilgesellschaft und der Forschung