«Ich verdiene 22 Franken pro Stunde - vor Abzügen»

Aktuell habe ich drei Arbeitgeber. Ich arbeite in der Logistik und im Büro eines Babyartikel-Versands, gehe putzen und helfe in einer Catering-Firma aus. Zudem bin ich noch selbstständig, ich besticke alles mögliche auf Bestellung. Meine Arbeitspensen betragen zusammen etwa 75 oder 80 Prozent. Damit habe ich letztes Jahr knapp 30'000 Franken verdient, dazu kommen Alimente und Kindergeld. Alles zusammen gab etwa 40’000 Franken.
Mit diesem Geld muss ich das Leben für mich und meine beiden Kinder bezahlen. Sie sind auch der Hauptgrund, warum ich nicht einen einzigen, festen Job habe. Meine Tochter ist zehn und mein Sohn zwölf Jahre alt. Ich brauche Flexibilität, um für sie da zu sein. Ich muss sie bei den Hausaufgaben unterstützen oder zu ihren Hobbys fahren. Ich bin mir sicher, dass mein Sohn in der Schule abstürzen würde, wenn ich nicht da wäre, um ihm zu helfen.
Ich will nicht, dass meine Kinder leiden, nur damit ich erholsamer schlafen kann. Deswegen schwankt mein Einkommen stark. Manchmal verdiene ich nicht einmal 1000 Franken im Monat, manchmal sind es 4000. In der ersten Hälfte des Jahres habe ich weniger zu tun, in der zweiten Hälfte läuft überall mehr. Das heisst, dass ich schon früh für die grossen Rechnungen Geld auf die Seite legen muss.
Dafür habe ich ein System: Ich mache immer einen detaillierten Budget-Plan, so weiss ich genau, wann welche Rechnung kommt. Natürlich bin ich so auch gestresster, als wenn ich einen fixen Lohn hätte. Im Hinterkopf ist immer ein Gedanke: Was, wenn es doch nicht reicht?
Meine finanzielle Situation wurde erst vor drei Jahren prekär, als mein Mann und ich uns getrennt haben. Wir lebten zusammen in einem alten Haus im Aargau. Als er ging, musste ich plötzlich alle Rechnungen alleine bezahlen. Glücklicherweise konnte ich im Haus bleiben, so spare ich mir heute die Miete. Aber das heisst auch, dass ich nie in die Sozialhilfe rutschen darf, sonst würden wir unser Haus verlieren.
Ich tue alles, um meinen Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Ich fahre sie zweimal pro Woche in den Musikunterricht, der uns 3000 Franken im Jahr kostet. Um das zu finanzieren, habe ich viele Anträge bei Stiftungen geschrieben und Beiträge von der Kirche und anderen Institution bekommen. Ich musste zwar meine ganzen Finanzen dafür offenlegen, aber wenn meine Kinder dafür weiter ein Hobby haben, gebe ich mir diese Blösse. Jedes Jahr kratze ich das Geld aufs Neue zusammen.
Für mich selbst bleibt da nicht viel. Ich gehe nicht mehr aus, treffe kaum noch Kollegen und habe meine Vereinstätigkeit aufgegeben. Ich gönne mir überhaupt nichts. Aber das macht mir nichts aus. Ich habe auch ohne diese Dinge genug zu tun. Ich engagiere mich zum Beispiel nun freiwillig bei der Caritas, jeden zweiten Mittwoch helfe ich anderen Menschen bei Behördensachen. Oder ich gehe Biken.
Langweilig wirds mir nicht. Das sieht man auch an meinem Lebenslauf: Ich habe Automechanikerin gelernt, die Modeschule besucht und die Handelsschule abgeschlossen. Danach war ich im Militär, habe dort bei der Luftwaffe gearbeitet und war schliesslich ein Jahr als Fahrerin im Kosovo im Einsatz. Auch handwerklich bin ich begabt, eine Fähigkeit, die ich von meinem Vater geerbt habe. Gerade baue ich unser Haus um. Ich habe eine neue Küche montiert und renoviere nun das Kinderzimmer. Normalerweise kostet das etwa 10'000 Franken, aber weil ich alles alleine mache, musste ich nur 1000 Franken auftreiben.
Was mir das Leben erleichtern würde, wäre ein nationaler Mindestlohn. Dann könnte ich wieder atmen. Bei einem meiner Jobs verdiene ich nur 22 Franken pro Stunde - vor Abzügen. Selbst wenn ich Vollzeit arbeiten würde, könnte ich mit 3500 Franken meine Rechnungen kaum bezahlen.
Trotz allem lasse ich den Kopf nicht hängen. Ich weiss, dass ich aus dieser Situation früher oder später wieder herauskommen werde. Mein Sohn geht bald in die Lehre, meine Tochter auch, dann wird es besser. Ich sehe lieber Lösungen als Probleme.
Elisabete Silva, 44, aus Aargau
Bundesamt für Sozialversicherungen BSV
In Zusammenarbeit mit Behörden auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene,
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