«Plötzlich zählte das alles nichts mehr»

Mein Leben zerbrach am 31. Juli 2018. Ich arbeitete als Pflegeassistent in einem Altersheim, ein Beruf, den ich liebte. Als zwei übergewichtige Bewohner mit je über 100 Kilo aus dem Rollstuhl zu fallen drohten, packte ich zu. In diesem Moment machte es «Knack» in meinem Rücken, und seitdem ist nichts mehr, wie es war.
Ich bin in Peru aufgewachsen. Es war eine gute Kindheit; mein Vater arbeitete in einem Fünf-Sterne-Hotel, es fehlte uns an nichts. In Peru lernte ich auch meine Ex-Frau kennen, sie ist Schweizerin. Sie besuchte während ihres Studiums eine Freundin und wir haben uns sofort verliebt.
2005 kam ich wegen ihr in die Schweiz. Und erlebte die erste grosse Enttäuschung: Mein Studium in Südamerika war hier nicht viel wert. Ich war enttäuscht. Ich arbeitete in Peru als Direktionsassistent bei einer grossen Firma. Ich hatte schlaflose Nächte mit Lernen verbracht, um ein Diplom zu bekommen. Und plötzlich zählte das alles nichts mehr.
Aber ich wollte meinen beiden Kindern ein Vorbild sein, ihnen zeigen, dass Papa nicht aufgibt. Also entschloss ich mich, eine Ausbildung zum Pflegeassistenten zu absolvieren und fand die Stelle im Altersheim. Ich arbeitete 60 Prozent, verdiente rund 3500 Franken und konnte auch für meine Kinder da sein. Das war ein schönes Leben. Wir hatten keine Sorgen! Wir gingen am Wochenende in Grindelwald wandern und fragten uns nie, was wir morgen essen würden.
Jetzt weiss ich kaum, ob ich am nächsten Tag etwas auf dem Tisch haben werde. Der Unfall hat alles zerstört. Den Job, meine Gesundheit, meine Ehe. Meine Frau und ich haben uns nach dem Unfall getrennt, nun lebe ich alleine von der Sozialhilfe. Die Kinder wohnen hauptsächlich bei ihr, besuchen mich aber jede Woche. Mit den Zuschlägen für die Kinder erhalte ich zwischen 2000 und 2200 Franken, für mich allein bleiben am Ende vielleicht 200 Franken übrig. Davon kann man nicht leben, man überlebt.
Für meine Einkäufe muss ich nach Deutschland gehen, weil ich die Preise in der Schweiz nicht bezahlen kann. Der Unterschied ist enorm. Das Fleisch zum Beispiel gibt es in Deutschland für 10 oder 11 Euro pro Kilo, das kannst du in der Schweiz vergessen. Ich kann meine Söhne nicht einmal zu einem Besuch bei McDonald's einladen. Höchstens eben: in Deutschland.
Hinzu kommen die täglichen Rückenschmerzen. Mein Tag beginnt mit Schmerzen und er endet mit Schmerzen. Manchmal kann ich kaum aufstehen, um mir etwas zu essen zu machen. Lange sitzen, lange stehen, lange liegen – nichts davon geht. Ein Elektrostimulator in meinem Rücken soll helfen, aber die Schmerzen bleiben.
Wegen meines Rückens bräuchte ich eigentlich auch spezielle Schuhe mit Luftpolster. Sie kosten mindestens 120 Franken. Unmöglich. Das letzte Mal habe ich mir vor fünf Jahren Turnschuhe gekauft. Selbst auf dem Flohmarkt finde ich nichts in meiner Grösse.
Die Ärzte glauben nicht, dass ich je wieder arbeiten kann. Aber ich bin noch zu «jung», um mein Leben lang von Sozialhilfe abhängig zu sein. Manchmal überlege ich, nach Peru zurückzukehren. Mit einer kleinen Rente könnte ich dort besser leben. Aber es würde bedeuten, meine Kinder nur noch hinter einem Bildschirm aufwachsen zu sehen. Eine unmögliche Entscheidung.
Doch was mich fast mehr schmerzt als mein Rücken, sind die Blicke der anderen. Als die Sozialhilfe uns einmal «Solidaritätsferien» ermöglichte, sagten die Angestellten vor allen Gästen: «Ah, Sie sind von der Sozialhilfe? Sie dürfen nur das essen». Mein Sohn ist vor Scham fast im Boden versunken.
Deshalb haben wir zusammen mit anderen Sozialhilfeempfängern den Verein «à part'Être» gegründet. Wir wollen das Bild, das viele von «dem Sozialhilfeempfänger» haben, ändern, das negative Image durchbrechen. Um zu zeigen: Es gibt uns. Wir sind keine Profiteure, sondern Menschen, die in eine schwierige Lage geraten sind. Ich wünschte, die Gesellschaft würde verstehen, dass wir keine Faulenzer sind. Dass jeder von uns morgen an dieser Stelle sein könnte.
Carlos Medina, 51, aus Jura
Bundesamt für Sozialversicherungen BSV
In Zusammenarbeit mit Behörden auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene,
Organisationen der Zivilgesellschaft und der Forschung