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«Ich musste erst die Armut überwinden, um 50 Kilogramm abzunehmen»

Bild Portrait 7 Armutsmonitoring

Ich bin der lebende Beweis dafür, dass man aus einer schlechten Situation wieder herauskommen kann. Ende 2023 habe ich eine Festanstellung als Informatiker bekommen und verdiene nun 4500 Franken im Monat. Vorher lebte ich von der Sozialhilfe. Nachdem ich alle Rechnungen bezahlt hatte, blieben mir 110 Franken pro Monat.

Eigentlich habe ich mein ganzes Leben lang sehr prekär gelebt. Meine Eltern waren italienische Einwanderer, die keinen guten Job gefunden haben. Sie trennten sich, als ich vier Jahre alt war. Das war sehr schlimm für mich, weil ich von da an eine Art Geisel ihres Konflikts war. Ich erinnere mich, dass ich nicht verstand, warum mein Zuhause so kalt war. Bei anderen kochte die Mutter, umarmte sie, war nett zu ihnen. Ich hingegen wurde von meiner Mutter abgelehnt. Neben der finanziellen erlebte ich so auch eine emotionale Armut.

Die Situation Zuhause hatte einen direkten Zusammenhang mit meinem schlechten gesundheitlichen Zustand. Ich habe eine Essstörung entwickelt. Zu meiner schlimmsten Zeit wog ich 170 Kilogramm. Ich erkläre mein Essverhalten gerne mit einem Vergleich mit den Höhlenmenschen: Wenn ich konnte, ass ich so viel wie möglich. Weil ich wusste, dass das vielleicht meine letzte Chance war, in den nächsten Tagen etwas zu essen.

Während der Corona-Pandemie erreichte ich meinen absoluten Tiefpunkt. Ich hielt es nicht mehr aus, Zuhause mit meiner Mutter eingesperrt zu sein. Ich ging zum Sozialamt und erzählte von meiner Situation. Zu meiner Überraschung erhielt ich sofort Hilfe. Zusammen mit meinem Berater haben wir schnell eine Wohnung gesucht und einen Kurs begonnen, in dem ich lernen konnte, mein Leben selbständig zu gestalten.

Danach lebte ich drei Jahre lang von der Sozialhilfe und machte währenddessen ein Informatik-Studium. Ich hatte zwar schon eine Lehre als Informatiker abgeschlossen, aber habe hier im Tessin keinen Job gefunden.

Seit ich nicht mehr aufs Geld schauen muss, habe ich mit Sport angefangen. Erst da habe ich etwas gefunden, was mir wirklich Spass macht: Mittelalterlicher Schwertkampf, auch Buhurt genannt. Diese Sportart hat mir die Motivation gegeben, 50 Kilo abzunehmen - kombiniert mit der richtigen Ernährung und regelmässigem Training.

Seither hat sich mein Leben komplett verändert. Ich komme nicht mehr ausser Atem, wenn ich in den Bergen spazieren gehe. Ja, ich habe sogar richtig Lust, mich zu bewegen.

Bis dahin war es ein langer Weg. Ich musste erst die Armut überwinden, um abzunehmen. Denn die Armut hat meine Seele verkümmert. Ich war sehr einsam, konnte mit niemandem reden. Ich habe alles in mich reingefressen. Wortwörtlich. Ich hatte keine Lust, meine Wohnung zu verlassen. Wofür? Ich dachte mir: Wenn mich Freunde einladen, zum Beispiel in eine Bar, gerate ich in eine peinliche Situation. Bezahle ich selbst, kann ich vierzehn Tage lang nichts essen.

Ich verstehe, dass viele junge Menschen sich nicht von der Sozialhilfe helfen lassen wollen, weil sie sich dafür schämen. Aber ich würde ihnen raten, nicht so lange zu warten, sondern das eigene Leben so schnell wie möglich in die Hand zu nehmen. Sonst kommt man früher oder später auf einen unguten Pfad. Das Schlimmste an der Armut sind nämlich die verpassten Chancen.

D. B., 29, aus Tessin

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