Zum Hauptinhalt springen

«Sobald ich mehr verdiene, stehen Schulden von bis zu 70’000 Franken im Raum»

Bild Portrait 12 Armutsmonitoring

Mit 19 Jahren, im ersten Lehrjahr meiner Ausbildung, wurde ich schwanger. Es war eine gewollte Entscheidung, die mein Partner und ich gemeinsam trafen.

Als unsere Tochter zur Welt kam, hatte ich vor, die Lehre als Kleinkinderzieherin noch abzuschliessen. Doch der Druck war zu gross. Ich geriet in eine tiefe Depression und erlebte ein Burnout. Unsere Beziehung zerbrach, und ich wurde mit Anfang 20 alleinerziehende Mutter. Die Ausbildung konnte ich nicht fortsetzen, weil ich für meine Tochter da sein musste. Ich bezog Sozialhilfe.

Meine Tochter ist erst vier Jahre alt, ich möchte warten, bis sie etwas selbstständiger wird, bevor ich wieder voll in den Arbeitsmarkt einsteige. Der Gedanke, wieder in ein Burnout zu rutschen, lässt mich vorsichtig planen. Doch später möchte ich auf jeden Fall noch eine Ausbildung machen, vielleicht zur Fachfrau Betreuung.

Seit 2024 habe ich mich als «Content Creatorin» selbstständig gemacht – ein Schritt, der mein Leben verändert hat. Ich teile Videos über meinen Alltag auf Instagram und TikTok, und mittlerweile verfolgen meine Reise über 21’000 Menschen. Anfang 2025 konnte ich mich so aus der Sozialhilfe befreien.

Mein Einkommen verdiene ich durch Kooperationen mit Marken, die ich schätze. Diese Firmen kontaktieren mich und bieten mir bezahlte Partnerschaften an. Ich erhalte eine Vergütung für jedes Video, das ich erstelle.

Genaue Zahlen kann ich nicht nennen, da viele Unternehmen das ungern öffentlich machen. So viel kann ich verraten: Zu Beginn verlangte ich 50 bis 100 Franken pro Video, heute sind es deutlich mehr. Die grösste Kampagne, die ich je hatte, brachte mir 4000 Franken ein. Dafür machte ich mehrere Videos und Instagram-Stories.

Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich in schwierigen finanziellen Verhältnissen lebe. Dass ich heute davon leben kann, meine Erfahrungen als Mutter mit wenig Geld zu teilen, ist ein glücklicher Zufall. Letztes Jahr habe ich für meine Tochter einen Adventskalender gebastelt – jedoch nicht mit teuren Geschenken, sondern mit günstigen, kreativen Aktivitäten. Das Video dazu ging viral, und plötzlich wurden Medien auf mich aufmerksam. So nahm meine Karriere ihren Lauf.

Aktuell verdiene ich etwa 3000 Franken im Monat. Bei der Sozialhilfe hatte ich 2677 Franken, wovon ich alles selbst bezahlen musste – auch Miete und Krankenkasse. Heute bin ich also nicht mehr arm, sondern «nur» armutsgefährdet, was eine grosse Verbesserung ist.

Der Job macht mir unglaublich viel Spass, aber das Leben als Selbstständige ist herausfordernd. Mein Einkommen ist unregelmässig, das sorgt für zusätzlichen Druck. Ich arbeite von zu Hause aus, kümmere mich gleichzeitig um den Haushalt und meine Tochter.

Manchmal fühle ich mich, als würde mir die Decke auf den Kopf fallen. Ich würde gerne ein oder zwei Tage pro Woche einen festen Job haben, um einfach mal rauszukommen.

Doch sobald ich mehr verdiene, stehen plötzlich Schulden von 50’000 bis 70’000 Franken im Raum. Weil ich die Sozialhilfe zurückzahlen muss. Einerseits ist es verständlich, der Staat hat mich unterstützt, als ich es brauchte. Andererseits führt das System dazu, dass viele Menschen in diesem Teufelskreis bleiben. Es fehlt die Motivation, mehr zu verdienen, wenn das Geld sowieso wieder weg ist.

Für mich sind die hohen Kosten der Kinderbetreuung das grösste Hindernis. Wir gehen arbeiten, aber die Betreuungskosten fressen fast alles auf, sodass sich die Arbeit kaum noch lohnt. Ich bin überzeugt, dass ich meine Lehre abgeschlossen hätte, wenn ich nicht einen Grossteil des Einkommens für die Betreuung bei fremden Personen hätte aufwenden müssen.

Oft höre ich, dass ich mir hätte überlegen sollen, ob ich mir ein Kind leisten kann. Doch Kinderkriegen darf nicht zum Luxus werden. Schliesslich ist Fortpflanzung der Motor unserer Gesellschaft und Wirtschaft.

Nadja Chahdi, 24, aus Aargau

Logo Schweizerische Eidgenossenschaft
Eidgenössisches Departement des Innern EDI
Bundesamt für Sozialversicherungen BSV

In Zusammenarbeit mit Behörden auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene,
Organisationen der Zivilgesellschaft und der Forschung