«Obwohl die Sozialhilfe die Autonomie fördern soll, fühlt man sich bevormundet»

Mit 34 Jahren kam alles auf einmal: ein Burnout und kurz darauf die Diagnose Adenomyose, auch innere Endometriose genannt. Das war der Moment, in dem ich in die Armut fiel. Man sagt oft: Krank sein macht arm und arm sein macht krank. Beides ist wahr.
Mein ganzes Leben dreht sich um meine Periode. Die Schmerzen sind manchmal unerträglich, vergleichbar mit einem Dolchstoss. Dazu kommen extrem starke Blutungen, chronische Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Es ist mir unmöglich, unter diesen Bedingungen zu arbeiten.
Es gibt viele Vorurteile gegenüber der Armut. Oft denken die Leute, dass arme Menschen keine oder nur eine geringe Bildung haben. Um die üblichen Klischees zu durchbrechen: Ich habe nicht nur Deutsch und Englisch gelernt, sondern auch mehrere Ausbildungen absolviert – im Detailhandel, im kaufmännischen Bereich sowie eine Ausbildung zur Schauspielerin. Leider hat mir die Krankheit alles genommen.
Während ich auf den Entscheid der Invalidenversicherung (IV) wartete und ohne finanzielle Mittel war, hatte ich keine andere Wahl, als Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen. Ich hatte nicht erwartet, dass es ein Vergnügen oder auch nur angenehm sein würde, aber ich hätte mir nicht im Entferntesten vorstellen können, dass es so gewaltvoll sein würde. Ich erfuhr viel Ungerechtigkeit. Die 21 Monate, die ich bei der Sozialhilfe verbrachte, haben mich tief gezeichnet.
Von der Sozialhilfe abhängig zu sein, ist nicht nur gleichbedeutend mit dem Verlust der eigenen Würde, sondern auch der eigenen Freiheit und des freien Willens. Obwohl die Sozialhilfe die Autonomie fördern soll, fühlt man sich bevormundet.
So musste ich beispielsweise länger auf eine dringende Zahnbehandlung warten. Andererseits war ich verpflichtet, die Sozialarbeiterin zu informieren, sobald eine Person bei mir übernachtete.
Heute beziehe ich eine IV-Rente und Ergänzungsleistungen. Meine finanzielle Situation ist weniger prekär als bei der Sozialhilfe, aber ich lebe immer noch am Existenzminimum. Ich war erleichtert, die Sozialhilfe hinter mir lassen und den Kopf wieder über Wasser halten zu können, aber wie so oft folgt ein harter Schlag auf den nächsten: Die Nachzahlungen der IV gingen direkt an die Sozialhilfe, um meine Schulden zu begleichen – was an sich völlig korrekt ist.
Da diese Zahlungen jedoch mehrere Jahre abdeckten und auf einmal ausbezahlt wurden, musste ich plötzlich Steuern auf ein fiktiv hohes Einkommen zahlen. Geld, das ich natürlich nicht hatte. Als ich ein Steuererlassgesuch einreichte, antwortete mir das Steueramt, ich hätte vorausschauend handeln und Rückstellungen bilden müssen. Wie kann man sparen, wenn man mit einem monatlichen Budget von 2100 Franken leben muss? Das ist mir bis heute ein Rätsel.
Diese Erfahrungen haben mich dazu bewogen, mich zu engagieren. Ich gehöre zu den 50 Personen mit Armutserfahrung, die den «Rat für Armutsfragen» mitentwickelt haben. Das ist eine Struktur, die es den Betroffenen ermöglicht, sich mit Institutionen, Politik und Fachleuten auszutauschen. Es geht nicht so sehr um Eigenverantwortung, wie es Politiker oft predigen, sondern vielmehr um kollektive Verantwortung, Engagement und politischen Willen, da das Problem hauptsächlich systemisch ist.
Zudem habe ich punktuelle Mandate als externe Referentin an der Hochschule für Soziale Arbeit in Freiburg. An der Ausbildung der Studierenden mitzuwirken, gibt meiner Erfahrung bei der Sozialhilfe einen Sinn.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Schweiz mehr in die Armutsprävention investieren muss. Eine unbehandelte Karies führt zu einer Wurzelbehandlung, die viel teurer ist. Dasselbe gilt für die Armut, die keine Wahl ist. Menschen zu unterstützen, bevor sie den Punkt erreichen, an dem es kein Zurück mehr gibt, ist sowohl aus gesellschaftlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll.
Karine Donzallaz, 45, aus Freiburg
Bundesamt für Sozialversicherungen BSV
In Zusammenarbeit mit Behörden auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene,
Organisationen der Zivilgesellschaft und der Forschung