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«Nach 15 Jahren bin ich aus der Sozialhilfe rausgekommen»

Bild Portrait 2 Armutsmonitoring

Jahrelang bin ich in die Beiz gegangen und habe einfach nur einen Kaffee getrunken. Mehr konnte ich mir nicht leisten. Vier Stunden lang sass ich da, weil mir Zuhause die Decke auf den Kopf fiel. Ich wollte einfach nur raus und mit jemandem reden.

Ich hatte einst einen guten Job als Wirtschaftsinformatiker bei der UBS. Dort habe ich 120’000 Franken im Jahr verdient. Ich hatte wirklich alles: Frau, drei Kinder, eine schöne Wohnung, ein Auto. Es ging uns gut.

Im Jahr 2002 wollte meine Frau plötzlich die Scheidung, sie hat jemand anderen kennengelernt. Zur gleichen Zeit habe ich meinen Job verloren. Es gab eine Umstrukturierung und weil ich der letzte im Team war, der angestellt wurde, war ich der Erste, der wieder gehen musste. Ich war damals 43 Jahre alt.

Danach war es richtig schwer, wieder einen Job zu finden. Alle sagen, es sei so einfach, wenn man gut ausgebildet ist. Das sind dumme Sprüche. Bei den kleineren Firmen hiess es, ich sei überqualifiziert, bei den grossen hatte ich nicht die spezifische Ausbildung.

Ich war zwei Jahre lang auf dem Arbeitsamt, wurde ausgesteuert und rutschte in die Sozialhilfe. Da ich die Alimente nicht bezahlen konnte, häufte ich zudem 130’000 Franken Schulden an. Noch heute kommt ab und zu ein «Liebesbrief» vom Staat oder von dubiosen Eintreibern. Dann hats mich verbeset. Die Psychiaterin stellte mir die Diagnose: Leichte Verwahrlosung, mittelstarke Depression und ADHS.

Mit dem Sozialamt hatte ich immer wieder Probleme. Ich bekam 980 Franken Grundbedarf, die Wohnung und die Krankenkasse wurden bezahlt. Da meine Frau und ich uns das Sorgerecht teilten, und die Kinder die Hälfte der Zeit bei mir waren, reichten die 980 Franken hinten und vorne nicht. Ich habe zwei Jahre lang gestritten, bis das Sozialamt mir die Kosten für meine Kinder überhaupt zum Grundbedarf dazu rechnete.

Weil ich keinen Job fand, habe ich versucht, als selbstständiger Informatiker ein bisschen dazu zu verdienen. Ich hatte immer wieder kleine Nebenjöbli, aber was ich verdiente, wurde mir natürlich abgezogen. Weil es gut lief, wollte ich mich komplett selbstständig machen, habe sogar einen Businessplan erstellt. Das Problem: Ich brauchte ein Auto, um zu den Kunden zu fahren. Doch das Sozialamt wollte mir die Reparatur meines Autos nicht finanzieren.

Auch eine Weiterbildung oder eine Umschulung wollte mir das Amt nicht bezahlen. Ich habe mehrfach danach gefragt. Also fing ich an, gratis bei einem heutigen Freund zu arbeiten. So konnte ich wenigstens das Geschäftsfahrzeug nutzen. Sieben Jahre lang habe ich drei Tage die Woche kostenlos gearbeitet, weil das Sozialamt keine Idee hatte, was sie mit mir machen sollen.

Irgendwann kam dieser Freund zu mir und zeigte mir eine Broschüre. Dort wurde eine Weiterbildung an einer höheren Fachschule beworben. Das Sozialamt wollte mich wieder nicht unterstützen, aber ich hab’s trotzdem gemacht. Die Ausbildung finanzierte mir der Freund, bei dem ich gratis arbeitete.

Nach drei Jahren schloss ich die höhere Fachschule mit einer guten Note ab, ich war bereits über 50 Jahre alt. Und nach dieser Weiterbildung habe ich dann tatsächlich wieder einen Job als Informatiker gefunden. So bin ich nach 15 Jahren aus der Sozialhilfe rausgekommen.

Leider habe ich dieses Jahr meinen Job wieder verloren, aus wirtschaftlichen Gründen. Weil ich aber schon 63 Jahre alt bin, beantrage ich nun eine Übergangsrente. Wie viel ich bekommen werde, weiss ich nicht. Die Abklärungen laufen noch.

Ich finde, wir als Gesellschaft sollten überdenken, wie wir mit Arbeitslosen umgehen. Viele haben das Gefühl, dass Arbeitslose schlechte Arbeiter sind, weil sie keinen Job haben. Das stimmt einfach nicht. Man sollte jedem eine Chance geben. Für mich jedenfalls ist klar, dass ich wieder arbeiten will. Die Bewerbungen sind verschickt.

Alfred König, 63, aus Zürich

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