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«Meine Ausbildung, meine Erfahrungen – sie scheinen hier nichts wert zu sein»

Bild Portrait 6 Armutsmonitoring

Früher hatte ich ein Leben. Ein stabiles, komfortables Leben im Iran. Ich habe einen Universitätsabschluss in persischer Sprache und Literatur, habe eine zweijährige Ausbildung in Fotografie absolviert und kenne mich als Sohn einer Bauernfamilie auch in der Landwirtschaft aus. Ich hatte eine feste Anstellung, ein eigenes Haus, ein Auto. Doch dieses Leben gibt es nicht mehr. Ich musste den Iran verlassen, weil mein Leben dort in Gefahr war.

Ich floh zuerst in die Türkei, wo ich meine Frau kennenlernte. Sieben Jahre lebten wir dort, gefangen in einer kleinen, trostlosen Stadt, die wir nicht verlassen durften. Die Lebensbedingungen wurden immer schwieriger, weil die türkischen Behörden begannen, Iraner zurückzuschicken. Selbst die Anerkennung durch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen schützte uns nicht mehr, unsere Krankenversicherung wurde ausgesetzt. Die Gefahr, vor der ich geflohen bin, holte mich ein.

So kamen wir 2021 in die Schweiz. In ein Land, das wunderschön ist, mit einer unglaublichen Infrastruktur und einem hohen Lebensstandard. Aber für uns fühlt es sich an wie ein goldener Käfig.

An der Schwelle zu meinem fünfzigsten Lebensjahr fühle ich, wie die Errungenschaften meines Lebens vor mir zusammenbrechen. Meine Ausbildung, meine Erfahrungen – sie scheinen hier nichts wert zu sein. Ich darf nicht arbeiten, weil unser Asylgesuch noch geprüft wird. Also leben wir von rund tausend Franken Asylfürsorge im Monat.

Das Geld reicht kaum. Wir müssen jede Ausgabe vorsichtig planen. In den letzten zehn Tagen des Monats haben wir oft nichts mehr, müssen auf die nächste Zahlung warten oder uns von Freunden etwas leihen. Dabei will ich nichts sehnlicher, als selbst für meine Familie zu sorgen. Geld zu erhalten, ohne zu arbeiten, gibt mir das Gefühl, ein Parasit zu sein. Eine Last für andere.

Diese Situation ist für unsere siebenjährige Tochter am schwersten. Sie sieht, wie ihre Freunde und Schulkameraden leben, und versteht nicht, warum es bei uns anders ist. Ihre Fragen brechen uns das Herz. «Warum gehen wir nicht ins Restaurant?» - «Warum fahren wir nicht in den Urlaub?» - «Warum sind meine Kleider und Schuhe oft abgetragen und passen schlecht?»

Sie fragt sich auch immer wieder, warum sie nie dabei ist, wenn wir Kleider für sie besorgen. Wie erklärt man einem Kind, dass die meisten ihrer Sachen von der Caritas gespendet werden?

Als wäre das nicht genug, wurde unser Asylgesuch abgelehnt, trotz solider Beweise für unsere Gefährdung im Iran. Die Begründungen waren für uns nicht nachvollziehbar, wir konnten den Behörden gewisse Informationen nachreichen. Nun warten wir auf eine Neubeurteilung.

Aber dieser negative Entscheid stürzt uns in eine tiefe Ungewissheit, eine Ratlosigkeit und Verzweiflung, die schwerer zu ertragen ist als alle materiellen Sorgen. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, und leben in ständiger Angst.

Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich habe eine Leidenschaft für Weltliteratur und Literaturkritik. Ich habe Erfahrung im Bibliothekswesen und besitze gute Kenntnisse in Fotografie. Ich bin überzeugt, dass ich in diesen Bereichen gute Arbeit leisten könnte.

Eine passende Arbeit würde unserer Familie alles bedeuten: Sie würde es uns ermöglichen, von unserem eigenen Einkommen zu leben, unseren Lebensstandard schrittweise zu verbessern und unsere seelische Gesundheit wiederzufinden. Wir möchten dieser zermürbenden Ungewissheit entkommen und in die Zukunft blicken.

Arash Vasli, 50, aus Genf

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