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«Zeitweise wollte ich mir das Leben nehmen»

Bild Portrait 8 Armutsmonitoring

Als mein Partner mich würgte, habe ich gemerkt, dass ich gehen muss. Bis dahin habe ich es nicht geschafft, mich zu trennen. Ich war abhängig von ihm. Ich habe jahrelang psychische und sexuelle Gewalt durch ihn erfahren. Einmal hat er mich mit einem Sturmgewehr bedroht. Erst als ich das Gefühl hatte, dass es ans «Lebige» geht, fand ich die Kraft, zu gehen.

Mein Partner wurde kurz nach der Geburt unserer Tochter Alkoholiker. Anscheinend hatte er schon früher Probleme mit dem Alkohol, das wusste ich nicht. Ich wusste auch nicht, dass er sehr hohe Schulden hatte.

Darum lebten wir sehr knapp. Wir mieteten ein altes Bauernhaus auf dem Land: In einem Teil lebte unsere Familie, das Gebäude nebenan baute ich aus und betrieb dort mein eigenes Tierheim. Ich bin gelernte Tierpflegerin.

Damit unsere Sachen nicht gepfändet wurden, habe ich meinem Partner geholfen, die Schulden abzuzahlen. Dafür arbeitete ich zusätzlich in der Dorfbeiz oder ging putzen. Aber es ging mir zunehmend schlechter, denn ich wurde durch die ständige Gewalt psychisch sehr krank. Ich hatte kein Selbstwertgefühl mehr und entwickelte eine posttraumatische Belastungsstörung.

So habe ich lange einfach nur funktioniert. Mein Körper hingegen hat auf diesen Stress reagiert. Weil ich schon mit 14 Jahren von einem Fremden vergewaltigt wurde, kam vieles wieder hoch. Ich bekam halbseitige Lähmungen und Panikattacken. Zeitweise wollte ich mir das Leben nehmen.

Nach der Trennung versuchte ich, so gut es ging, das Tierheim weiterzuführen. Aber dann wurde mir das Haus gekündigt. Die Schür wurde abgerissen und neue Blöcke gebaut. Das war der Horror. Ich wollte auf keinen Fall in die Sozialhilfe rutschen, aber weil ich selbstständig war, konnte ich auch nicht einfach stempeln gehen. In den meisten Kantonen fehlt leider eine niederschwellige Beratungsstelle, wie es sie seit Kurzem in Pratteln gibt: eine Anlaufstelle für Personen, deren wirtschaftliche Existenz bedroht ist, die aber noch keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben. Das hätte ich damals gebraucht.

Ich hatte dann einen totalen Zusammenbruch und musste in eine Klinik. Dort meinten sie, ich soll Medikamente nehmen und mich bei der Invalidenversicherung anmelden. Aber das wollte ich auf keinen Fall. Die Arbeit gab mir Halt - bis heute.

Als ich rauskam, ging ich wieder zu einer Selbsthilfegruppe von Gewaltbetroffenen. Dort wurde ich aufmerksam auf das Strassenmagazin «Surprise». Ich bekam einen Job und fing an, Hefte zu verkaufen. Zusätzlich machte ich soziale Stadtrundgänge. Bis heute erzähle ich bei diesen Führungen meine Geschichte und informiere über das Thema häusliche und sexuelle Gewalt.

Durch diese Stadtführungen bin ich auch auf ein betreutes Wohnheim für Drogenabhängige aufmerksam geworden. Ich hab mich beworben und durfte eine Ausbildung als Pflegehelferin machen. Nun arbeite ich in einem Pensum von 70 Prozent. Es ist mein Traumjob.

Ich möchte eigentlich nochmal eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit machen. Ich weiss aber nicht, ob ich mir das leisten kann. Ich verdiene aktuell etwa 3000 Franken im Wohnheim und etwa 300 Franken bei «Surprise». Wenn ich für die Weiterbildung mein Pensum reduzieren müsste, könnte ich meine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Ich bin darauf angewiesen, dass meine Chefin mir entgegenkommt.

Danica Graf, 50, aus Basel-Land

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