«Würde ich Sozialhilfe beziehen, hätte ich mehr Geld zur Verfügung»

Ich habe gerade meine dritte Knieoperation hinter mir. Sechs Wochen lang falle ich aus, weil zwei 30-Kilogramm-Hunde in die Beine gerannt sind und meine Kniescheibe zertrümmert haben. Alle Bänder sind gerissen. Bei der ersten Operation gab es Komplikationen, bei der zweiten auch. Jetzt also die dritte. Eigentlich wollte ich mein Arbeitspensum bald erhöhen, um etwas mehr Geld zu haben. Und jetzt das. Das passt zu meinem Glück.
Ich hätte gerne immer 100 Prozent gearbeitet, aber das war nicht möglich. Mit 23 Jahren bin ich Mutter geworden, da fingen die finanziellen Probleme an. Heute habe ich drei Kinder, jedes hat ein Geburtsgebrechen: Lungenkrankheit, Herzrhythmusstörungen, Wachstumsstörungen, Borderline, ADHS. Immer, wenn ich das Gefühl hatte, über den Berg zu sein, kam wieder etwas dazu. Weil die Institutionen nicht mit meinen Kindern fertig geworden sind, musste ich die Pflege übernehmen. Und konnte darum nicht mehr arbeiten.
Meine Kindheit war nicht sehr behütet, mein Vater war spielsüchtig und Alkoholiker. Meine Mutter war - wie ich - alleinerziehend und hatte keine Ausbildung. Mich fördern oder mir bei schulischen Dingen helfen, konnte sie nicht.
Bei den Bewerbungen für die Lehrstelle war ich auf mich alleine gestellt. Mir ist alles über den Kopf gewachsen. Ich war ziemlich schlecht in der Schule und habe deswegen keine Lehrstelle bekommen. Da ging ich halt temporär arbeiten. Ich wurde eine Weltenbummlerin, bin für zwei Jahre nach Kreta ausgewandert, dann wieder zurückgekommen, und habe in der Gastronomie und in Hotels gearbeitet. So habe ich praktisch mein ganzes Leben lang nur temporär gearbeitet. Und natürlich fast nichts in die Pensionskasse einbezahlt.
Dann, mit 36 Jahren, habe ich doch noch eine Ausbildung zur Versicherungsfachfrau gemacht. Mein derzeitiger Arbeitgeber hat mir das ermöglicht. Seitdem arbeite ich 70 Prozent und verdiene 4200 Franken. Ich lebe derzeit mit zwei meiner Kinder in einer 3.5-Zimmer-Wohnung. Meine Tochter wurde vor kurzem aus der betreuten Wohneinrichtung geschmissen, sie hat schwere psychische Probleme, braucht praktisch rund um die Uhr Betreuung. Also ist jetzt mein Schlafzimmer ein Wohn-, Arbeits- und Esszimmer in einem. Ich sehe es positiv, sozusagen als Probewohnen für meinen Traum: ein Tinyhouse.
Wenn ich Sozialhilfe beziehen würde, hätte ich wahrscheinlich mehr Geld zur Verfügung. Aber ich will das nicht. Es belastet mich psychisch enorm, die ganze Zeit um etwas zu bitten. Ich bin ein einziges Mal zum Sozialamt gegangen, weil ich gehofft hatte, dass sie mir helfen würden, einen Monat zu überbrücken. Der Berater hat mich ausgelacht. Da hat’s mir abgelöscht.
Ob man eine gute oder schlechte Erfahrung beim Sozialamt macht, hat vor allem mit der Person zu tun, die einem zugeteilt wird. Meine Tochter hatte eine gute Erfahrung. Sie ist sehr aufgestellt von dem Gespräch mit ihrer Beraterin zurückgekommen. Sie ist 18 Jahre alt und meldet sich gerade beim Sozialamt und bei der Invalidenversicherung an.
Ich sage immer: Wenn man auf mein Bankkonto schaut, bin ich arm. Da ist kein Franken. Und manchmal bin ich sogar im Minus. Auch meine dritte Säule ist leer. Aber ich sehe so viele Leute, die mehr haben als ich - und trotzdem unglücklich sind.
Claudia Schwarz, 51, aus Zürich
Bundesamt für Sozialversicherungen BSV
In Zusammenarbeit mit Behörden auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene,
Organisationen der Zivilgesellschaft und der Forschung